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Warum Schatten bei SW-Filme wichtiger sind als Highlights

Arches and Cobblestones

Die kurze Antwort zuerst

Wer nur eine Regel aus diesem Text mitnehmen möchte, sollte sich diese merken:

Belichte für die Schatten, entwickle für die Lichter.

Warum das so ist, und warum Film sich dabei fundamental anders verhält als ein digitaler Sensor, erklärt der Rest dieses Textes – inklusive der Kennlinien, die dahinterstecken, und einem konkreten Beispiel zum Schluss.

Zwei Kennlinien im Vergleich

Jedes lichtempfindliche Medium – Sensor oder Film – lässt sich durch eine Kennlinie beschreiben: eine Kurve, die zeigt, wie viel Ausgangssignal (Helligkeit im Bild) bei wie viel einfallendem Licht entsteht. Genau in der Form dieser Kurve liegt der ganze Unterschied.

Digitaler Sensor: linearer Verlauf mit harter Abschneidung.

Ein digitaler Sensor wandelt Licht direkt in elektrische Ladung um, und das über weite Bereiche linear – doppelt so viel Licht ergibt doppelt so viel Signal. Das Problem entsteht am oberen Ende: Ist die Kapazitätsgrenze des Sensors erreicht, ist schlicht Schluss. Es entsteht eine harte, klinische Abschneidung (“Clipping”), bei der jegliche Bildinformation abrupt verloren geht. Deshalb predigt jedes Digitalfotografie-Lehrbuch, man solle die Lichter schützen: Einmal geclippt, für immer weg.

Schwarzweißfilm: der klassischer S-förmige Verlauf

Dieser Verlauf ergibt sich aus dem Aufbau der Film-Emulsion, sie besteht aus Millionen winziger Silberhalogenidkristalle. Diese Kristalle bestehen aus Silberbromid (AgBr), bei dem Silberionen (Ag⁺) und Bromidionen (Br⁻) regelmäßig in einem Kristallgitter angeordnet sind. Nach der Entwicklung werden aus diesen Silberhalogenidkristallen die sichtbaren Silberkörner des Negativs.

Trifft ein Photon auf den Kristall, passiert vereinfacht folgendes:

  • Das Photon wird absorbiert.
  • Dabei entsteht ein bewegliches Elektron.
  • Das Elektron wandert durch das Kristallgitter.
  • Es wird an einer empfindlichen Stelle eingefangen, den Empfindlichkeitskeim (engl. Sensitivity Speck) Diese Elektronenfalle bildet den Ausgangspunkt für den späteren latenten Bildkeim.

Der Sensitivity Speck – der “Zündpunkt” im Kristall
Sein Vorhandensein ist entscheidend: Ein Elektron würde sonst nach kurzer Zeit wieder verschwinden. An der Sensitivity-Speck-Stelle bleibt es jedoch gefangen und kann Silberionen reduzieren. Aus einem Silberion entsteht ein neutrales Silberatom. Ein einzelnes Silberatom ist noch nicht ausreichend, erst wenn sich mehrere Silberatome an derselben Stelle sammeln, entsteht ein stabiler latenter Bildkeim.

Die lichtempfindliche Emulsion mit ihren Silberhalogenidkristalle reagiert auf Belichtung nicht linear, sondern beschreibt eine sogenannte S-Kurve (auch charakteristische Kurve oder Hurter-Driffield-Kurve genannt).

Die drei Bereiche der S-Kurve

Der Beginn, auch Fuss genannt:
Bei sehr geringer Belichtung treffen nur wenige Photonen auf die Filmschicht.
Die Folge:
• Viele Kristalle erhalten gar kein Photon.
• Einige erhalten ein Photon, bilden aber keinen stabilen Bildkeim.
• Nur sehr wenige Kristalle überschreiten die notwendige Schwelle.
Obwohl Licht vorhanden ist, entsteht nur wenig metallisches Silber, die Dichte steigt deshalb nur langsam.

Der mittlere, nahezu lineare Bereich:
Mit zunehmender Belichtung erhalten immer mehr Kristalle genügend Photonen.
Immer mehr Kristalle bilden stabile latente Bildkeime und werden während der Entwicklung vollständig reduziert. In diesem Bereich gilt annähernd: Mehr Licht → proportional mehr entwickelte Kristalle → proportional höhere Dichte. Die Kurve verläuft deshalb annähernd gerade. Dieser Bereich ist fotografisch besonders wichtig, weil hier Tonwerte relativ vorhersehbar übertragen werden.

Der obere, abflachende Berreich, die sogenannte Schulter:
Ab einer gewissen Belichtungintensität bilden fast alle Kristalle einen stabilen Bildkeim. Nur noch wenige können zusätzlich aktiviert werden, die Kurve flacht ab. Dieser Teil ist bei vielen Filmen besonders ausgeprägt, es findet eine Art natürliche, sanfte Kompression der hellen Töne statt: Wolken behalten ihre Struktur, helle Haut wirkt nicht plattgebügelt, Glanzlichter laufen weich aus statt abrupt in eine reine weiße Fläche überzugehen.

Warum die Schatten die verletzlichere Seite sind
Hier liegt der Kern unserer Regel: Belichte für die Schatten, entwickle für die Lichter.
In den Schatten reagieren von vornherein nur wenige Silberkristalle überhaupt – der untere Teil der S-Kurve ist flach, weil die Belichtungsenergie dort knapp ist. Bekommt dieser Bereich beim Fotografieren zu wenig Licht, passiert etwas anderes als bei den Lichtern:

Bei den Lichtern komprimiert die S-Kurve vorhandene Information sanft – die Details sind noch da, nur gestaucht. Beim Scannen oder in der Dunkelkammer lässt sich diese gestauchte Information oft wieder auseinanderziehen.

In den Schatten dagegen wurden bei Unterbelichtung schlicht nie genug Silberkristalle aktiviert. Es gibt keine gestauchte Information zum Auseinanderziehen – die Information wurde nie erzeugt.

Das ist der Grund, warum die Belichtung – also die Menge Licht und die Zeit die wir das Licht den Film zuführen –darüber entscheidet, ob in den Schatten überhaupt etwas ankommt. Ist dort zu wenig belichtet, kann keine spätere Entwicklung diese fehlende Information erschaffen.

Wie Belichtung und Entwicklung zusammenspielen
Aus den beiden vorigen Abschnitten folgt direkt die Praxisregel:

Belichte für die Schatten, entwickle für die Lichter.

Da Schattendetails bei Unterbelichtung unwiederbringlich verloren gehen, die Lichter aber selbst bei Überbelichtung noch Zeichnung behalten, werden Verschlusszeit und Blende so gewählt, dass die dunkelsten Bildpartien, in denen noch Zeichnung gewünscht ist, ausreichend Licht bekommen. Im Zweifel lieber etwas großzügiger belichten als knapp.

Entwicklung steuert die Lichter. 

Die Entwicklungszeit bestimmt, wie dicht die hellsten Stellen auf dem Negativ am Ende werden. Eine kürzere Entwicklung bremst die Lichter zusätzlich ein (nützlich bei sehr kontrastreichen Motiven), eine längere Entwicklung baut mehr Dichte und Kontrast in den Lichtern auf (nützlich bei sehr flachen, kontrastarmen Motiven).

Damit lässt sich der Gesamtkontrast eines Negativs nachträglich noch justieren – aber eben nur in den Lichtern, nicht in den Schatten.

Das können sie hier in der interaktiven Kurve nachvollziehen.

Belichtungs-Regler: verschiebt “Schatten” und “Lichter” über beide Kurven – zeigt, wann eine Zone noch Zeichnung hat oder bereits kippt. Beim Sensor passiert das abrupt, beim Film weicher.
Entwicklungszeit-Regler: verändert die Entwicklungszeit in Relation zu Standarentwicklungszeit des Films. Kürzer = weniger Kontrast, niedrigere Dmax, geschütztere Lichter. Länger = mehr Kontrast, höheres Risiko blockierender Lichter.

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Belichtung (Blendenstufen relativ zum Mittelgrau) Dichte / Tonwert Schatten Lichter
Schwarzweißfilm (S-Kurve)
Digitaler Sensor (linear)
0 EV
Normalzeit
Schatten — Film: keine Zeichnung (geclippt) Zeichnung, aber knapp Zeichnung vorhanden (Dichte 0) · Sensor: keine Zeichnung (geclippt) Zeichnung, aber knapp Zeichnung vorhanden (Wert 0)
Lichter — Film: keine Zeichnung (geclippt) Zeichnung, aber knapp Zeichnung vorhanden (Dichte 0) · Sensor: keine Zeichnung (geclippt) Zeichnung, aber knapp Zeichnung vorhanden (Wert 0)
Maximaldichte (Dmax) des Negativs bei dieser Entwicklungszeit: 0

So liest man das Diagramm:
x-Achse: Belichtung (Schatten links, Lichter rechts), y-Achse: Dichte/Tonwert (0 = keine Zeichnung, 1 = Dmax).
Schwarze Linie = Film (S-Kurve), grau gestrichelte Linie = digitaler Sensor (linear, hartes Clipping).

Hinweis: Dies ist vereinfachtes Lehrmodell, keine gemessene H&D-Kurve – reale Kurven können erheblich davon abweichen.
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Ein Beispiel aus der Praxis

Stellen sie sich eine Szene, sowie oben im Bild, mit hohem Kontrast vor: einen sehr dunklen Torbogen, dahinter eine hell besonnte Straße.

Belichtungsmessung auf den Schatten. Sie messen gezielt auf den Torbogen im Schatten und stellen die Belichtung so ein, dass dort gerade noch Zeichnung vorhanden ist – notfalls auf Kosten der ohnehin schon hellen Straße im Hintergrund. Die Straße wird zwangsläufig sehr hell belichtet. Das ist in diesem Moment kein Problem, weil die S-Kurve des Films dort ohnehin komprimiert und Struktur erhält, statt hart auszufressen wie ein Sensor.

In der Entwicklung gegensteuern. Weil der Kontrast zwischen Schatten und Lichtern in diesem Motiv sehr hoch ist, entwickeln sie etwas kürzer als die Normalzeit (z. B. 20 % weniger). Das bremst den Dichteaufbau in der hellen Straße zusätzlich, ohne die Schattenzeichnung zu beeinträchtigen – die wurde ja bereits bei der Aufnahme gesichert.

Ergebnis: ein Negativ, das sowohl in den Schatten als auch in der Straße noch Zeichnung zeigt.

Fazit

Der Unterschied zwischen digital und Film lässt sich auf eine Kurvenform reduzieren: linear mit harter Abschneidung versus S-Kurve mit sanften Ausläufen an beiden Enden. Daraus folgt die zentrale Praxisregel der Schwarzweißfotografie – und mit zunehmender Erfahrung lässt sich diese Regel immer feiner an unterschiedliche Lichtsituationen anpassen. Für den Anfang genügt es, sich zu merken: Die Aufnahme rettet die Schatten. Die Entwicklung formt die Lichter.

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